Der Meteoritenkrater Steinheimer Becken, der Meteorit und das angebliche Pallasit-Projektil: Wunschdenken oder wissenschaftliche Nüchternheit?

Der Meteoritenkrater Steinheimer Becken, der Meteorit und das angebliche Pallasit-Impaktprojektil: Wunschdenken oder wissenschaftliche Nüchternheit?

K. Ernstson, Fakultät für Philosophie I, Universität Würzburg

Zusammenfassung. Als große wissenschaftliche Besonderheit wird der Fund eines kleinen Pallasit-Steinmeteoriten, der durch Zufall in einem ausgestellten Kalksteinblock des Impaktkratermuseums in Steinheim entdeckt wurde, gemeldet und dieser als Bruchstück des Meteoriten angesehen, der vor etwa 15 Mill. Jahren den Krater schuf. Wahrscheinlicher ist, dass der kleine Brocken ein fossiler Meteorit aus dem Oberen Jura (vor etwa 150 Mill.Jahren) ist, so wie es z.B. beim Österplana 65-Meteoriten der Fall ist, der sich seit dem Ordovizium vor 470 Mill. Jahren in südschwedischen Kalksteinen erhalten hat. Mit dem Fund einhergehende voreilige Spekulationen über eine Eigenständigkeit des Steinheimer Beckens unabhängig vom Nördlinger Ries sind unangebracht.

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In den astronews vom 13.9. 2017 und in mehreren Medien wird eine Pressemitteilung über eine angebliche „riesige Sensation“ (Heidenheimer Zeitung) veröffentlicht, die sich auf einen ungewöhnlichen Fund im Meteorkratermuseum in Steinheim am Albuch bezieht. Dieser Fund war auch bereits Gegenstand eines Abstract-Artikels bei der diesjährigen Tagung der Meteoritical Society in Santa Fe. Die Autoren E. Buchner, M. Hölzel, M. Schmieder, M. Rasser, J. Fietzke, M. Frische und  S. Kutterolf berichten über einen Zufallsfund eines etwa zwei Zentimeter großen Pallasit-Meteoriten, der aus einem im Museum ausgestellten jurassischen Kalksteinblock mit Shattercones herauspräpariert worden war.

Sogleich wurde der kleine Brocken als (Zitat) „höchstwahrscheinliches Bruchstück“ des Meteoriten deklariert, der vor etwa 15 Mill. Jahren das Steinheimer Becken schuf. Und sogleich wird weiter spekuliert, dass damit ein weiterer Hinweis gegeben ist, dass Nördlinger Ries und Steinheimer Becken, obgleich geologisch-paläontologisch gleichaltrig und nur 40 km voneinander entfernt, zwei verschiedene astronomische Objekte und nicht gleichbeschaffene Impakt-Schwestern (bzw. -Brüder) waren. Der sehr seltene Stein-Eisenmeteorit Pallasit und der vermutete Steinmeteorit des Rieses: das würde nicht zusammenpassen.

Zugegeben. Aber vielleicht ist  alles viel weniger aufregend, wenn der Steinheimer Pallasit schon vor 150 Mill. Jahren ins Jura-Meer gefallen ist und dann zusammen mit der Kalkstein-Diagenese „fossilisiert“ wurde und bis heute erhalten blieb. Man könnte sich sogar vorstellen, dass der bereits existierende Meteorit in dem Bereich Auslöser für Teile der Shattercone-Bildungen war, was bei Inhomogenitäten im Gestein immer wieder zu beobachten ist (Abb. 1), im konkreten Fall aber genauer studiert werden müsste.

shattercone fossil Steinheimer Becken

Abb. 1. Shattercone-„Pferdeschwanzstrukturen“ starten an einem Fossil. Steinheimer Becken.

Fossile Meteoriten sind auf der Erde relativ selten, aber es gibt sie. Paradebeispiel ist  der etwa 8 cm große Österplana 65-Meteorite (siehe auch HIER), der in einem Kalkstein(!)-Bruch in Südschweden gefunden wurde und dessen Fall ins Ordovizium vor 470 Mill. Jahren (also dreimal so alt wie die Steinheimer Jura-Kalksteine) datiert wird. Vergleicht man die vielen Fotos dieses Meteoriten und seine Einbettung mit der Steinheimer Pallasit-Situation, so ist die Ähnlichkeit unübersehbar.

Die Argumentation, dass der Pallasit den Einschlag des Steinheimer Meteoriten im ersten Stadium der Kontakt- und Kompressionsphase mit Verdampfen und Schmelzen überlebt haben soll und sich dann in der Materie-Nachströmbewegung hinter der Schockfront, die die Shattercones erzeugt hat, zwischen diese hineingezwängt hat, steht dagegen auf eher schwachen Füßen.

Genauso verhält es sich mit den nun wieder postulierten Objekt-Unterschieden von Ries und Steinheimer Becken und dem suggestiven Hinweis auf nicht gleichaltrige Einschläge (das Ries ist physikalisch, radiometrisch sehr präzise, das Steinheim Becken aber nur paläontologisch in einem Zeitrahmen von etwa 100 000 Jahren datiert).

Diese Diskussion zum Steinheimer Pallasiten und über die Beziehung zum Ries  erinnert stark an die beiden Koautoren Buchner und Schmieder, die sich bereits in früheren Publikationen über angebliche Besonderheiten des Steinheimer Kraters ausgelassen haben. So wurde der Fund eines winzigen Glaspartikels in einem Bohrkern des Steinheimer Beckens zu einer Umdeutung der bekannten sedimentären Beckenbrekzie zu einem Krater-Suevit hochstilisiert, was sich bei genauerem Hinschauen als der bekannte Elefant, der aus einer Mücke gemacht wurde, entpuppt. Wie hier

Kein Suevit im Steinheimer Becken

nachzulesen ist, gibt es keinen Steinheimer Suevit.

Um das genaue Gegenteil beim Steinheimer Krater geht es in einem weiteren Beitrag von Buchner und Schmieder: Während der Suevit „herbeigezaubert“ wird, werden jegliche Auswurfmassen (Ejekta) „weggezaubert“. Eine ausführliche Diskussion dieser Arbeit findet sich hier zum Anklicken:

The Steinheim impact crater (Germany) – where is the ejecta blanket? Diskussion der Arbeit Buchner & Schmieder.

Hier wird gezeigt, dass der Ansatzpunkt von Buchner & Schmieder für eine Anwendung eines bekannten Modells von Housen & Holsapple fern jeglicher geologischen und geophysikalischen Realität ist und zu rein gar nichts führt; ferner, dass sie wieder einmal dem Steinheimer Impaktkrater (Zitat) „mit Gewalt eine besondere Bedeutung beimessen wollen, die er nicht besitzt, was sich bereits in ihrer Arbeit (Buchner & Schmieder 2010) über den angeblichen Suevit im Steinheimer Becken artikuliert hat.“